Sonntag 05. April 2020

 

 

Mein Wort zum Sonntag

In einer Welt wie der unseren brauchen wir Liebesgeschichten. Geschichten, die Lust und Mut zum Leben machen. Heute, am Palmsonntag würden wir im Gottesdienst so eine Geschichte voller Liebe hören. Es ist die Geschichte einer unbekannten Frau, die sich in der Männerwelt etwas getraut. Eine Geschichte voller Passion, zu deutsch Leidenschaft. Im Markusevangelium können wir sie im 14. Kapitel nachlesen.

Jesus hält sich in Betanien auf, einem Vorort von Jerusalem.

Während die Männer und die Mächtigen in Jerusalem Pläne schmieden, wie sie Jesus kreuzigen können, ereignet sich in Betanien eine einzigartige und anrührende Begegnung.

Jesus sitzt mit Freunden und Bekannten bei Tisch. Da kommt eine Frau ins Haus, geht auf Jesus zu und gießt ihm eine Flasche wertvollsten Öls über den Kopf.

Das war ziemlich gewagt. Einfach in ein fremdes Haus hineingehen und dazu noch in das stadtbekannte Haus von Simon dem Aussätzigen.

Dort war Jesus zu Gast – ein Tabubruch – denn eigentlich war klar, dass man das Haus eines Aussätzigen meiden muss.

Jesus und die namenlose Frau, beide überschreiten die Grenze, die als religiöse Verordnung von der Obrigkeit erlassen wurde. Beide tun, was im Namen Gottes, im Namen der Liebe, im Namen der Menschlichkeit getan werden muss. Sie verstehen sich wortlos und begegnen sich auf Augenhöhe.

Dann öffnet sie das Fläschchen und salbt Jesus wie einen König mit wertvollstem Öl.

Die Reaktion lässt nicht lange auf sich warten. Nach einer ersten Schrecksekunde der Sprachlosigkeit – prasselt heftiger Protest in Form eines Aufschreis auf die Frau nieder. „Verschwendung!“ „Überflüssig, wie ein Kropf!“ „Unverantwortlich!“

Das erscheint nachvollziehbar - denn das Öl entspricht dem Wert eines Jahresverdienstes eines normalen Arbeiters. Damit hätte man in der Tat vielen Armen helfen und Not lindern können.

Die Armen liegen auch Jesus am Herzen. Immer und immer wieder hat er sich ohne Wenn und Aber an ihre Seite gestellt. Und trotzdem sagt er hier und jetzt: Arme habt ihr allzeit bei euch.

Mich aber – so setzt Jesus den Gedanken fort – mich habt ihr nicht allezeit bei euch.

Höre ich Jesu so reden, begreife ich: Immer wieder muss ich mich fragen, was ist in diesem Augenblick besonders wichtig? Worauf kommt es jetzt an?

Im Leben wie im Glauben müssen wir uns immer wieder auf das Wesentliche konzentrieren. Wer immer alles zeitgleich machen will, der überfordert nicht nur sich selbst, sondern in der Regel auch alle anderen.

 

Mit ihrer Entscheidungsfreude kann uns die unbekannte Frau zum Vorbild werden. Sie stellt Jesus in den Mittelpunkt.

Und Jesus lobt ihr Verhalten und sagt: Sie hat ein gutes Werk an mir getan.

 

Diese Geschichte erinnert uns an die verschwenderische Güte Gottes. Er hat für uns alle das Beste vom Besten, das Teuerste vom Teuersten, das Kostbarste vom Kostbaren gegeben. So hat Gott seine Priorität gesetzt und sich für uns entschieden.

 

Ich wünsche Ihnen einen besinnlichen Palmsonntag.

Ulrich Vallon, Dekan

 

 

Sonntag 22. März Dekan Vallon

 

Sonntag 29. März Pfarrerin Fritz